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Deutsche Orgelsachverständige
| "Auf keinem Gebiete des Kunsthandwerks ist das unwissende Vertrauen der Laien so leicht zu täuschen wie im Orgelbau" |
Hans Henny Jahnn |
Was ist ein Orgelsachverständiger?
Jemand, der Ahnung von Orgeln hat, meinen Sie? Nein, weit gefehlt.
Der Begriff „Orgelsachverständiger“ - oder noch hochgestapelter: Orgelexperte - ist gesetzlich nicht geschützt, und so darf sich jeder so bezeichnen, auch Sie, der/die Sie vielleicht noch niemals eine Orgel von innen gesehen haben. So hat auch die Aussage dieser Leute z. B. vor Gericht keinerlei Relevanz, denn sie könnten nicht die dazu erforderliche Qualifikation nachweisen, die z. B. ein gerichtlich bestellter und vereidigter Sachverständiger aufweisen muss - dieser muss sogar überdurchschnittlich hohe Kompetenzen auf seinem Gebiet nachweisen können, im Bereich des Handwerks selbstredend Handwerksmeister sein.
Diejenigen Herrschaften, die sich von Kirchens Gnaden als Orgelsachverständige bezeichnen, mit amtlichem Briefkopf von Bischof oder Landeskirchenamt, sind in den allermeisten Fällen schlichtweg nichts anderes als Organisten (KMDs, LKMDs, Regionalkirchenmusiker usw. usw.), die auf einer wichtigen Orgelbank ihren Dienst verrichten, meist gut Orgelspielen und Chöre leiten können, dann hörts mit den Kompetenzen in Sachen Orgel aber schon auf.
Damit sie etwas mehr von Orgeln wissen als nur das Wort „Orgel“ schreiben zu können, werden sie zu einer Alibischulung (nach Ludwigsburg) geschickt, wo sie z.B. ein oder zwei Orgelpfeifen basteln dürfen, mit vorgefertigtem Material vom Orgelbauer und unter dessen Anleitung (und oftmals tatkräftiger Hilfe) natürlich. Ich spreche nicht wie der Blinde von der Farbe, denn ich habe mir diesen Kurs zum Spaß auch einmal angetan. Einige Tage (neuerdings dreimal eine Woche lang) werden sie darüber belehrt, was der Unterschied zwischen dieser und jener Pfeifenart ist, der Unterschied zwischen Barock und Romantik, wie sie einen wichtig klingenden Brief an eine Gemeinde aufsetzen und das Ganze dann als Gutachten titulieren können usw. usw. Man bekommt nun nach erfolgter Teilnahme ein Zertifikat: "zertifizierter Orgelsachverständiger (VOD)", das genauso viel Wert hat wie ein "zertifizierter Kartenleger (deutsche Esoteriker e. V.)", reine Blenderei mit Pseudokompetenz. Man kontrolliert und bewertet sich halt selbst.
All das, was diese Leute rein fachlich wissen, können auch Sie sich, verehrter Leser, in einem Vormittag per Literatur aneignen. Wenn Sie ein Buch über KFZ-Bau lesen und einmal in einer Werkstatt mitschrauben dürfen, würden Sie sich dann als KFZ-Sachverständiger bezeichnen, nur, weil Sie Autofahren können? Das wäre lächerlich, nicht wahr? Diese Organisten aber tun genau dies in Bezug auf die Orgel.
Sie machen sich in den Gemeinden wichtig, indem sie eine Orgelfahrt organisieren, Orgelführungen machen oder irgendwelche Halbwahrheiten über die Tonerzeugung bei einer Orgelpfeife erläutern (Niveau der Kenntnisse: gymnasialer Musikunterricht, Sexta... immerhin...) und somit den unbedarften Laien mit einfachen Mitteln beeindrucken und darüber hinwegtäuschen, dass sie in Wahrheit gar nicht wissen, wovon sie sprechen.
So hängen die Gemeinden diesen Aufschneidern an den Lippen und glauben ihnen alles, was sie von sich geben und der Gemeinde für wichtig und gut andrehen. Schließlich müssen sie es ja auch nicht selbst bezahlen. Oft kommen sie in seriösem Schwarz daher mit Ledermäppchen unterm Arm, oder betont leger, damit sie tun, als ob sie „es nicht nötig“ hätten und weit über den Dingen stünden. Oder sie lassen mal ganz locker das Künstlerimage raushängen.
Dass sie in dieser Funktion keinerlei kirchenbehördlicher oder gar fachlicher Kontrolle unterliegen, ist erst der Anfang des Dramas. Der Möglichkeit für Vorteilsnahme, sprich: KORRUPTION, ist somit Tor und Tür geöffnet, oder wundern Sie sich nicht, warum manche Landschaften mit Orgeln bestimmter Orgelbauer geradezu übersät sind, oder bestimmte Orgelbauer aus entfernten Gegenden gehäuft Orgeln fern der Heimat restaurieren, obwohl diese Orgelbauer Hunderte von km weit weg wohnen, womöglich noch aus dem Ausland kommen, in dem auch nur mit Wasser gekocht wird? Hohe Spesen werden in solchen Fällen ohne Wimpernzucken in Kauf genommen.
Nun denken Sie bitte nur nicht zu naiv, denn Bares fließt in den seltensten Fällen, weil sonst Transparency International in Kooperation mit Staatsanwaltschaft und Finanzamt auf der Matte steht. Es werden vielmehr Hausorgelteile abgezweigt (bis nach dem x-ten Projekt das gute Stück vollständig ist), CD-Aufnahmen finanziert (als Werbung fein getarnt), Konzertreisen mit allem Drum und Dran, ja sogar Bordellbesuche sollen z. B. in Dortmund zu diesem Zwecke des öfteren schon stattgefunden haben.
Es ist diesen Pseudosachverständigen, die ich wegen ihrer landläufigen Inkompetenz als Hochstapler brandmarke, des Systems wegen ohne Einschränkungen möglich, qualifizierte Orgelbaumeister, ganze Betriebe zu erpressen und auszusaugen, indem sie die Bedingungen diktieren, die auf nichts als auf persönlichem Geschmack beruhen und oft genug von keinerlei Realitätssinn getrübt sind.
Wenn eine Orgelbaufirma nicht mit diesen Wölfen heult, kann sie bald dicht machen, denn sie wird niemals durch Empfehlung eines dieser Pseudosachverständigen einen Auftrag erhalten. Die Gemeinden fühlen sich genötigt, diese Leute beratend heranzuziehen, weil man ihnen das einredet, dabei entbehrt dies jeder vernünftigen Grundlage. Man sollte annehmen, dass derjenige, der die Musik bezahlt, auch bestimmt, was gespielt bzw. gebaut wird. Da Mangels entsprechender Finanzen in der Regel keine Zuschüsse von den Kirchenbehörden zu einem Orgelbauprojekt gewährt werden, ist auch nicht einzusehen, warum diese ihre Abgesandten den Gemeinden aufnötigen. Vielleicht muss man aber an dieser Stelle den klaren Menschenverstand ausschalten. Jedes Schaf sucht sich schließlich seinen eigenen Schlächter.
Ich kann nur jeder Gemeinde empfehlen, ohne diese Leute zu arbeiten, denn man möchte doch, dass jeder gespendete Euro in die Qualität der Orgel fließt und nicht etwa über dunkle Kanäle in die Taschen des „Sachverständigen“, der seine Hirngespinste auf Kosten einer ahnungslosen Gemeinde zu verwirklichen sucht. Die Kirchenämter sehen derzeit noch keinen Handlungsbedarf, ihren „Orgelsachverständigen“ den Persilschein zu entziehen, weil die Problematik dort schlichtweg nicht ankommt – oder weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Im Umgang mit Gruppen dieser „Sachverständigen“ wähnt man sich zuweilen nicht unter Christenmenschen, sondern eher im Dunstkreis einer kriminellen Vereinigung.
Seit wenigen Jahren gibt es die Möglichkeit, als Kirchenmusiker, Musikhistoriker oder Musikwissenschaftler ein Ergänzungsstudium mit dem Abschluss "Organ expert" (Master of Arts) zu absolvieren. Dieses Aufbaustudium findet an mehreren europäischen Instituten statt und ist maßgebliches Ergebnis der Lobbyarbeit der VOD (Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands), um das deutsche Orgelsachverständigen-Modell auf ganz Europa auszuweiten. Die Inhalte dieses Studienganges beziehen sich naturgemäßg vornehmlich auf theoretische Belange, die wiederum nicht dazu angetan sind, praxisnahe Erfahrungen zu sammeln und späterhin Kirchengemeinden entsprechend kompetent zu beraten - eine Blase für Theoretiker, die sich mit dem MA noch wichtiger machen können als bisher. Dass dies reine Milieupolitik ist, ist offensichtlich, denn anstatt diesen Studiengang auch für Orgelbaumeister zu öffnen (was die ganze Angelegenheit wenigstens halbwegs glaubwürdig machen würde, denn man will ja angeblich die Kompetenz der OSV verbessern), bleibt man lieber unter sich, denn so funktionieren die korrupten Seilschaften besser. Nach außen hin wird dies natürlich anders begründet. So wird das üble deutsche System exportiert, mafiose Strukturen auf ganz Europa ausgeweitet wie Metastasen eines Krebsgeschwürs. Einen gefährlichen Schmusekurs fährt in dieser Hinsicht der BDO (Bund deutscher Orgelbaumeister), der aus offenbar strategischen Erwägungen vor der Sachverständigenlobby duckmäusert anstatt endlich mal ein Exempel zu statuieren und diese üblen Maschenschaften zu entlarven. Auch hier natürlich reine Lobbyarbeit, denn man möchte sich die kostbaren Auftragsvermittler (sprich: Ogelsachverständige) nicht vergrätzen.
Dass man keine Orgelbauer in seinen selbsterwählten Reihen wünscht, hat Tradition. Vor vielen Jahren, als ich selbst noch in der Orgelbaulehre war und von meinen Plänen sprach, mich als Orgelbauer selbständig machen zu wollen, bekam ich fortan keine Einladungen mehr zu Veranstaltungen der VOD. Auf Anfrage an den damaligen Vorsitzenden der VOD, Herrn Dr. Martin Kares, kam daraufhin eine Mitteilung, die dahingehend lautete, dass man mich nicht mehr zu Veranstaltungen der VOD einladen würde, weil dies einen Interessenkonflikt mit meiner Selbständigkeit darstelle - eine sehr kryptische Begründung, wenn man bedenkt, dass jeder kirchliche OSV, so er sich an den weit verbreiteten korrupten Machenschaften betätigt, unmittelbar in Konflikt mit seinem Dienstethos als Kirchenangestellter kommt (vom Gesetzeskonflikt mal ganz zu schweigen). Man unterstellt der Orgelbauerzunft von Seiten der VOD ganz offensichtlich von vornherein pauschal Kriminalität - eine interessante Projektion, gegen die man sich selbst verwahrt wissen will (s. selbiges Schreiben von Herrn Dr. Kares, frei nach dem Motto: Haltet den Dieb). Was machen dann bloss die zahlreichen echten Sachverständigen des deutschen Handwerks, deren Ausagen vor Gericht im Gegensatz zu denen der kirchlichen "Sachverständigen" Relevanz haben? Sie sind nach der Auffassung der VOD offenbar alle korrupt, da ein vermeintlicher Interessenkonflikt zwischen Amt und Selbständigkeit besteht - ein hohes Ross, auf dem die Kirchenleute da sitzen.
Was ist objektiv dagegen einzuwenden, dass sich ein junger Orgelbauer über die Berufsschule und private Studien hinaus in der Theorie weiterbilden möchte und z. B. im Rahmen von VOD-Tagungen weitere Instrumente verschiedener Regionen kennen lernen möchte? Doch wohl nur, dass man sich bei der VOD nicht in die Karten schauen lassen möchte, um mit seinen Machenschaften nicht aufzufliegen - um sich nicht einen Trojaner zu fangen.
Nun wird es, lieber Leser, wie immer bei kritischen Texten, einen ganzen Haufen Leute geben, die aufjaulen, sich den Schuh anziehen und nun vom Thema ablenken werden, indem Postings ins Internet gestellt werden über Stilfragen dieses Textes, über hineininterpretierten Futterneid, aus dem heraus jemand motiviert sein kann, über die lieben Orgelsachverständigen solch böse Sachen zu verbreiten, obwohl dieser Jemand in diesem Falle in der glücklichen Lage ist, sich seine Aufträge aussuchen zu können und selbst als (echter) Orgelbausachverständiger zu arbeiten, über Fragen des Namens, über allerhand Dinge, die zu Demontage und übler Nachrede geeignet sind - vor allem unter Christenmenschen in der Orgelszene ein beliebter Sport. Damit müssen Nonkonformisten nun einmal leben, denn was scherts eine deutsche Eiche, wenn sich eine Sau dran scheuert?
Anmk: In der letzten Zeit - seit etwa Mitte 2009 - erhalte ich immer häufiger Anrufe und Briefe von machtlosen Orgelbauerkollegen, die mir einerseits zu diesem häufig aufgerufenen Artikel gratulieren weil sie sich rundweg darin wiederfinden, andererseits ihre Verwunderung über meinen Mut ausdrücken. Nun, es ist nicht aller Tage Abend, die Tage der kirchlichen OSV sind in jedem Falle gezählt, Dank der wegbrechenden Finanzen erledigt sich dieses Problem einfach nur durch Liegenlassen - oder durch die Staatsanwaltschaft - die Rote Liste wird ständig fortgeschrieben - und länger - und länger ....
Bitte verbreiten Sie diesen Text durch Ausdruck, Vervielfältigung, Hinweis usw. bei allen Menschen guten Willens, für die er von Interesse sein könnte. Ich bitte dabei nur freundlich um die Angabe der Quelle.
s. auch das Passionslied für einen Kollegen, der wegen der Missstände in Konkurs gegangen ist >>>
Vortrag Hans Henny Jahnn: Architekt und Orgelarchitekt (aus dem Familiennachlass) >>>
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